Must-Read: Wissensallmende Report 2009

Veröffentlicht am 29. Januar 2010 von library_pirate in Piraterie
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Allen Jenen, die den Wissensallmende Report von Petra Buhr und Silke Helfrich (CommonsBlog und mit anderen Gemeingüter-Plattform) noch nicht kennen, sei er hiermit ans engstens Herz gelegt.

Die online verfügbare Broschüre erklärt kurz die verschiedenen gewerblichen Schutzrechte („geistiges Eigentum“) wie Urheberrecht, Patent, Gebrauchsmuster, Sortenschutz usw. und zeigt die teilweise absurden und schädlichen Folgen, die deren stetige Ausdehnung bringen. Internationale, produktive Gegenbeispiele eines offenen Umgangs mit Wissen werden im zweiten Teil des Textes vorgestellt.

Grundlegend ist die Annahme, dass Informationen und Wissen sich bei Nutzung und Weitergabe nicht verbrauchen und zu einem großen Teil der Allgemeinheit entliehen bzw. zu verdanken sind. Diese Wissensgüter sollten daher als Gemeingüter oder Commons behandelt werden – und nicht in privates Eigentum überführt werden, wie es das System geistiger Eigentumsrechte macht.  Der Begriff Knowledge Commons oder deutsch Wissensallmende meint die so begründete “Freiheit” von Informationen und Wissen: anstatt einer künstlichen Verknappung sollten die Möglichkeiten der schnellen und weltweiten Information und Kommunikation, und damit der Zugang zu Wissen, allen Menschen nützen.

Für alle, denen 50 Seiten im Moment zu umfangreich erscheinen, gebe ich hier eine kleine Zusammenfassung des Textes mit der Hoffnung, dass das “Lust auf Mehr” macht…

Ausgehend von den veränderten Bedingungen der Informationsgesellschaft sollten Informationen und Wissen breiter denn je verfügbar sein. Die digitale Revolution erlaubt verlustfreies und nahezu kostenfreies Kopieren und Verbreiten von digitalen Informationen. Und tatsächlich gibt es gute Beispiele für die Wirkmächtigkeit frei zugänglicher Information, den sogenannten knowledge commons oder deutsch, der Wissensallmende: Open-Source-Software1, Veröffentlichungen unter Creative-Commons-Lizenzen wie das Wikipedia-Projekt, Open-Access-Modelle2 für Bildung und Wissenschaft, um die Bekanntesten zu nennen.

Dieser Entwicklung entgegen werden jedoch die gewerblichen Schutzrechte, oft auch „geistige Eigentumsrechte“ genannt, in Deutschland und international ausgebaut: die Fristen für Urheberrecht bzw. Copyright stetig verlängert; Saatgut, das schon durch den Sortenschutz für den Züchter verwertbar gemacht worden ist, zusätzlich mit Patentschutz belegt; ähnlich verhält es sich mit urheberrechtlich geschützter Software, deren einzelne Algorithmen heute häufig Patentschutz genießen. Die Patentierung von natürlich vorkommenden Bestandteilen und Gensequenzen von Lebewesen sowie von lebenswichtigen Medikamenten bildet bisher den Gipfel der widersinnigen Ausdehnung des Patentrechts. Besonders durch sogenannte Trivialpatente ist dieses zu einem strategischen Mittel der Wirtschaft geworden, dass dazu eingesetzt wird, Mitbewerber vom Markt zu verdrängen. Ein anderes Beispiel ist der rechtliche Schutz von umstrittenen technologischen Schutzmaßnahmen, wie Digital-Rights-Management-Systemen, die Konsumenten in ihren Rechten verletzen und kriminalisieren. Weiterhin werden Bauern von multinationalen Unternehmen verklagt, da sie für die (ungewollte!) Verschmutzung ihrer Feldern mit gentechnisch verändertem Saatgut keine Lizenzgebühren gezahlt haben. Besonders hart trifft die Ausweitung der gewerblichen Schutzrechte die Entwicklungsländer, die an der nachahmenden Entwicklung gehindert werden, da sie hohe Lizenzgebühren für Saatgut, Medikamente, Technologien und wissenschaftliche Informationen nicht zahlen können.

Diese Entwicklungen sind Symptome dafür, dass das System der „geistigen Eigentumsrechte“ gründlich überdacht werden muss. Mittlerweile gibt es einige Initiativen, die das Wissen, das gemeinsam erarbeitet und ererbt wurde, vor der privaten Verwertung schützen, und es im Sinne des Gemeinwohls frei zugänglich machen. Regierungen stellen ihre EDV-Systeme auf Open-Source-Software um und veröffentlichen ihre gesammelten Daten (Open Government Data3). Universitäten stellen ihre Lehrmaterialien frei ins Internet (OpenCourseWare Consortium), Wissenschaftler publizieren verstärkt so, dass für jeden ihre Forschungsergebnisse zugänglich sind (Open Access). Die internationale gemeinnützige Drugs for Neglected Diseases Initiative (DNDi) forscht zur Entwicklung von bezahlbaren Medikamenten gegen Krankheiten, die vor allem in den ärmeren Ländern vorkommen und daher von Pharmaunternehmen vernachlässigt werden. DNDi konnte mit Hilfe von pharmazeutischen Produzenten bereits patentfreie und damit kostengünstige Medikamente gegen Malaria und die Schlafkrankheit auf den Markt bringen. Da schätzungsweise die Hälfte aller medizinischen Forschung staatlich finanziert wird, entwickeln Experten das Modell des Equitable Licensing, mit dem Lizenzierungen von medizinischen Forschungsergebnissen gesellschaftlich und sozial angemessen erfolgen sollen. Traditionelle Saatgutbanken, wie z.B. von der indischen Organisation Navdanya, versuchen biologische Vielfalt gegen Privatisierung zu schützen und den Nutzen von Kulturpflanzen gerecht und nachhaltig zu gestalten.

Abschließend bleibt der Appell, sich bewusst zu machen, was unser aller Wissensallmende ist, und auch bleiben sollten. Die Einhegung dieser durch „geistige Eigentumsrechte“ ist mittlerweile politisches Tagesgeschäft, und dessen aktuellster Ausdruck das geplante Anti Counterfeiting Trade Aggreement (ACTA).

„Die Privatisierung von Wissen betrifft alle Menschen…

…egal, wofür sie sich interessieren und wo sie leben. Ob Kunst und Kultur, ob Biodiversität, Nahrungsmittel oder Medikamente, alle Lebensbereiche sind betroffen.“ (P. Buhr, S. Helfrich)

1Informationen zu Open-Source-Modellen und Lizenzen finden sich bei der Free Software Foundation, www.fsf.org, der Open Source Initiative, www.opensource.org sowie dem Institut für Rechtsfragen der Freien und Open Source Software, www.ifross.de

2Umfassende Informationen zu Open-Access-Modellen bietet die deutsche Open-Access-Informationsplattform, www.open-access.net

3 So die USA, siehe www.data.gov , Australien, siehe http://data.australia.gov.au und demnächst auch Großbritannien unter der URL www.data.gov.uk

Kommentare
  1. [...] Must-Read: Wissensallmende Report 2009 « Donutpiraten Blog Die Wissensallmende ist eine online verfügbare Broschüre, die sich mit dem Gemeingut Wissen beschäftigt und erklärt, warum Wissen frei sein muss und nicht patentiert oder anders geschützt. Eine kurze Zusammenfassung des Textes haben die Donutpiraten geschrieben, die Lust auf mehr machen soll. Funktioniert :-) (tags: wrb Urheberrecht Patente) [...]

  2. [...] ist ihr mit Petra Buhr zusammen verfasster Wissensallmende-Report 2009, den ich hier im Blog schon vorgestellt und zusammengefasst habe. Silke Helfrich hat mit der Böll-Stiftung zusammen bereits 2008 den Sammelband “Wem [...]

  3. [...] verfasster Wissensallmende-Report 2009, den ich hier im Blog schon vorgestellt und (autorisiert) zusammengefasst habe. Silke Helfrich hat mit der Böll-Stiftung zusammen bereits 2008 den Sammelband “Wem [...]

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