library_pirate

…wer und was ich bin

Nach einer längeren Doppelexistenz als Student und Teilzeitarbeitnehmer hier und hier bereite ich mich i.M. auf meine Abschlussprüfungen vor. In meiner Abschlussarbeit habe ich mich mit der Zukunft von Bibliografischen Daten, Normdaten und Metadaten im Semantic Web beschäftigt.

…warum ich Pirat #5778 geworden bin

Der Pirat des Wissens ist ein guter Pirat.  Michel Serres

Weil ich eigentlich schon nicht mehr an die Existenz einer politische Gruppierung geglaubt habe, die Werte und Themen ernsthaft und engagiert vertritt, die mir wichtig sind. Und dabei weder mit vermeintlichen politischen und finanziellen Sachzwänge Stillstand oder Schlimmeres produziert noch in utopische Gefilde abdriftet.  Mehr dazu auf meiner Piratenwiki-Seite.

Ein neues Urheberrecht und Open Access

Mit der Novellierung des Urheberrechts bin ich durch die Arbeit in einer wissenschaftlichen Spezialbibliothek in Kontakt gekommen. Bibliotheken haben schon länger mit steigenden Preisen von Fachzeitschriften zu kämpfen und das Online-Angebot von wissenschaftlichen Verlagen wirkt eben nicht entspannend auf diese Situation (wie man ja wegen Wegfall der Vertriebswege denken könnte), sondern wird zu einer Verschärfung der Konditionen genutzt. Aus diesem Grund, und der geplanten weiteren Einschränkung der Ausnahmen (Schranken) für besondere Gebrauchsarten (wie z.B. Privatnutzung, Nutzung für Unterricht und Forschung) von urheberrechtlich geschützten Material hat sich in der Bibliothekscommunity breiter Widerstand gegen die Novellierung gebildet. Nur ein absurdes Beispiel für die aktuelle Gesetzeslage ist der Versand von elektronischen Kopien, der für eineinhalb Jahre nur in grafischen Formaten möglich war und jetzt – nach zähen Verhandlungen mit VG Wort und VG Kunst und Bild – mit einigen Einschränkungen (z.B. darf kein Pay-per-view-Angebot des Verlags bestehen) zumindest rudimentär wieder möglich ist.

Ein aktuelleres, unrühmliches Beispiel stellt auch das Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt vom 24.11.09 dar: Die ULB Darmstadt ist nun dazu gezwungen, die Digitalisate, die sie aus ihrem eigenen Bestand angefertigt hat, vor ihren Nutzern zu “beschützen” – sofern diese sich mit gemeingefährlichen USB-Sticks nähern. Die Pressemitteilung des Bibliotheksverbandes zu diesem Urteil ist hier (pdf) nachzulesen. Dass der Zahl der gleichzeitigen Zugänge zu den Digitalisaten an die Anzahl der gedruckten Exemplare gekoppelt ist, ist da schon eher Standardprozedere. Also liebe Darmstädter: Schönschrift üben (angucken und abschreiben ist erlaubt). Oder alles in James-Bond-Manier fotografieren und OCRen (solange diese Gesetzeslücke noch nicht verfüllt ist).

Lange Rede, kurzer Sinn: Das Urheberrecht muss reformiert werden, und zwar zum Nutzen von Urhebern, Privatnutzern und Nutzern aus Bildung und Wissenschaft. Und nicht von Verlagen und anderen Verwertungsrechteinhabern, welche die faktische Macht, die sie durch nicht substituierbare Güter haben, immer weiter ausdehnen. Faire bzw. freie Lizenzierungsmodelle wie Open Access und Creative Commons müssen politisch unterstützt werden. Zahlreiche Wissenschaftsorganisationen fordern seit 2004 diesen Wandel – und es hat sich unter den etablierten Parteien niemand gefunden, der dies ernsthaft zu seinem Anliegen gemacht hat.

Informationsfreiheit und Informationelle Selbstbestimmung

Im Übrigen: Ich bin weder Gamer noch File Sharer und komme auch nicht aus den Bereichen Sysadmin, Webdesign oder Programmierung. Ich möchte einfach im vollen Umfang meiner verfassungsmäßigen Grundrechte das Internet nutzen können – ohne, dass meine Verbindungsdaten 6 Monate rückwirkend gespeichtert werden, dass ein Spionageprogramm auf meinem Computer installiert wird und ohne staatlich zensierte Seiten.

Ebenso meine ich, dass staatliche und wirtschaftliche Institutionen nur zu ausgewählten, unbedingt notwendigen personenbezogenen Daten Zugang erhalten sollten. Dabei müssen sie darauf verpflichtet und kontrolliert werden, diese verantwortungsvoll und vertraulich zu behandeln, insbesondere eine synthetische Auswertung und Weitergabe ist auszuschließen. Das Ausmaß, in dem das Grundrecht auf Informationelle Selbstbestimmung missachtet wird, ist durch “Datenskandale” wie die von Telekom, Deutsche Bahn, Lidl leider nur erahnbar.

Auf staatlicher Seite existiert mittlerweile eine ganze Liste von umstrittenen Beispielen der Datensammelwut – und damit leicht ableitbarem Wissen über alle Bürger: Zum Beispiel der Elektronische Entgeltnachweis ELENA, die “untote” Vorratsdatenspeicherung von Telekommunikationsverbindungen und die geplante Elektronische Gesundheitskarte eGK. In allen Fällen sind höchst sensible persönliche Daten betroffen: Wer dann wann und warum darauf zugreifen darf (oder es unrechtmäßig tut!), ist für die Betroffenen nicht mehr nachvollziehbar. Eben diese Gefahr bergen im Übrigen alle Systeme, die einen automatisierten Zugriff ermöglichen, wie etwa der neue maschinenlesbare Pass und Personalausweis mit RFID-Technik. Eher unauffällig vollzieht sich dagegen der alltägliche Ausbau von öffentlichen Überwachungssystemen. Spätestens, wenn man sich das mittelfristige Ziel deren zentraler Bündelung durch das europäische Projekt INDECT bewusst macht, ist man dann aber mehr als beunruhigt.

Warum der Schutz personenbezogener Daten ein notwendiges Prinzip der demokratischen Gesellschaft ist, hat das Bundesverfassungsgericht im sogenannten Volkszählungsurteil 1983 sehr gut begründet:

Dies würde nicht nur die individuellen Entfaltungschancen des Einzelnen beeinträchtigen, sondern auch das Gemeinwohl, weil Selbstbestimmung eine elementare Funktionsbedingung eines auf Handlungsfähigkeit und Mitwirkungsfähigkeit seiner Bürger begründeten freiheitlichen demokratischen Gemeinwesens ist. Hieraus folgt: Freie Entfaltung der Persönlichkeit setzt unter den modernen Bedingungen der Datenverarbeitung den Schutz des Einzelnen gegen unbegrenzte Erhebung, Speicherung, Verwendung und Weitergabe seiner persönlichen Daten voraus.

…und noch mehr

Stichwortartig ein paar weitere Konzepte, die ich für viel versprechende Ansätze zur Neugestaltung unserer Gesellschaft halte:
* der Liquid-Democracy-Ansatz, der eine Weiterentwicklung der repräsentativen  (böse Zungen sagen: Parteien-)Demokratie durch direktdemokratrische und partizipatorische Elemente anstrebt
* die Commonstheorie (d.h. das Bewusstmachen von Staats-, Privat- und Gemeineigentum und ihrer sinnvollen Nutzung)
* ein bundeseinheitliches, kostenloses, leistungsfähiges Bildungssystem, das von frühkindlicher Betreuung bis zur Unterstützung von “Lebenslangem Lernen” reicht – eine Investition, die sich gesamtgesellschaftlich lohnt!(am liebsten ja die komplette Abschaffung des Föderalismus – das ist aber leider nicht machbar
* das Bedingungslose Grundeinkommen – ein transparentes, einfaches System der sozialen Grundsicherung für alle statt Bürokratie zur Verschleierung von Sozialabbau (also nicht die Althaus- oder FDP-Variante, sondern mit Einbeziehung eines funktionalen Sozialversicherungssystems)

Und das sind für mich Essentials:
* die Durchsetzung und der Schutz von Grund- und Menschenrechten in Deutschland sowie der Menschenrechte weltweit
* ökonomisch und ökologisch nachhaltige Versorgungskonzepte für Lebensmittel, Konsumgüter, Energie

Literatur und Links zu diesen Themen

Gibt es, sporadisch erweitert, hier: library_pirate > Empfehlenswerte Links

Kommentare
  1. Julia sagt:

    Hallo,

    library_pirate, ich würde dich gern kontaktieren, habe aber keine mail-Adresse gefunden und bin mir nicht so sicher, ob dieses Kontaktformular direkt bei dir ankommt.

    Wäre schön, wenn du antwortest, dann kann ich mehr erzählen…

    auf dem Piratenwiki habe ich auch keine mail-adresse gefunden.

    danke.

    gruß julia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s