Mit ‘Besitz’ getaggte Beiträge

Vom falschen Gebrauch des Handtuchs

Veröffentlicht: 21. August 2009 von library_pirate in Piraterie
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…ist der Untertitel des launigen Artikels Liegen ist Macht von Bruno Preisendörfer in der aktuellen August-Ausgabe der Le Monde diplomatique. Wer jetzt eine abgeschmackte Diskussion über übertriebene Hygiene, Recht auf Faulheit oder Ähnliches erwartet, kennt die LMD nicht. Im Gegenteil, es geht um ein zutiefst politisches und schon philosophisches Thema: die Herkunft und Funktionsweise von Besitz. Die großartige Analogie des Liegestuhl-Besetzens per Handtuch zum Entstehen von Eigentum stammt allerdings nicht von Preisendörfer, sondern vom Soziologen Heinrich Popitz, genauer, aus dessen 2002 erschienenen Buch Phänomene der Macht. Es erzählt die einfache (vielleicht schon selbst erlebte) Geschichte von der knappen Ressource Liegestuhl und Urlauber, die eben diese mit ihren Handtücher im wahrsten Sinne des Wortes besetzen. Und dann?

Einen Besitz, auf dem ich nicht sitzen kann, kann ich nicht bewahren ohne fremde Hilfe. Die Besitzenden haben sich gegenseitig unmittelbar etwas zu bieten: Stellvertretung, Schutz, Bestätigung. [H. Popitz, s.o.]

Die Verteidigung von Privilegien gegen die Benachteiligten setzt Kooperation unter den Privilegierten voraus. Sobald das erreicht ist, können die Okkupanten beginnen, die Stühle weiterzuvermieten. Von den Einnahmen wiederum können sie  Wächter bezahlen [...] [B. Preisendörfer, s.o.]

Besitz, der ursprünglich erbeutetes Gemeingut ist, schafft Klassen von Besitzern, abhängig Beschäftigten, Besitzlosen. Doch warum nehmen dies die mehr oder weniger Benachteiligten hin? Eben wegen diesem mehr oder weniger: wer zumindest einen Teil der Privilegien genießt, scheut das Risiko diese zu verlieren. Und eine zweite Frage steht im Raum: was, wenn die Besitzverhältnisse gekippt werden?

Nur ist eine gerechte Verteilung von Machtlosigkeit viel schwerer zu organisieren als als ein ungerechte Verteilung von Macht. Kooperation zwischen Privilegierten ist leichter zu managen als Solidarität unter Benachteiligten.[B. Preisendörfer, s.o.]

Folglich bleibt eine Rebellion aus. Schließlich bedingen und sichern sich Organisation des Machtverhältnisses und die dauerhafte und exklusive Verfügungsgewalt über Güter gegenseitig. Preisendörfer zitiert Jean-Jacques Rousseau:

Der erste, welcher ein Stück Landes umzäunte, sich in den Sinnkommen ließ zu sagen: dies ist mein, und einfältige Leute antraf, die es ihm glaubten, der war der wahre Stifter der bürgerlichen Gesellschaft.

So einfach kommt man vom Liegestuhl-Besetzen zur Grundstruktur unserer Gesellschaft: dieses Buch von Popitz schreit danach, gelesen zu werden. Nur das ich dazu keine Zeit habe. Vielleicht ist auch Zeit eine Bedingung von Macht?